Von molekularen Prozessen im Gehirn bis zu Mustern im gesamten Gesundheitssystem: An der MedUni Wien rücken unterschiedliche Forschungsperspektiven enger zusammen. Neue Gebäude und gemeinsame Infrastrukturen schaffen die Voraussetzung dafür, dass verhaltensbiologische Grundlagenforschung und datengetriebene Wissenschaft komplexer Systeme stärker ineinandergreifen: mit dem Ziel, Gesundheit und Krankheit umfassender zu verstehen.
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Die Forschung von Daniela Pollak, Professorin für Verhaltensbiologie, und Stefan Thurner, Physiker und Kompexitätsforscher, setzt auf unterschiedlichen Ebenen an und ergänzt sich gerade dadurch. Während Pollak die biologischen Grundlagen von Verhalten untersucht, analysiert Thurner große Datenmengen, um Zusammenhänge im Gesundheitssystem sichtbar zu machen.
„Es ist ja so, dass alles, was wir denken, alles, was wir fühlen, alles, was unsere Motivation ist, was wir so gemeinhin als Verhalten bezeichnen, das alles spielt sich im Gehirn ab“, sagt Pollak. Verhalten ist für sie kein abstraktes Phänomen, sondern biologisch erklärbar: „Es gibt keine Blackbox, es gibt keine Magic, es gibt Moleküle und es gibt Chemie und es gibt Molekularbiologie und es gibt Genetik. Und das ist alles schon da, wir müssen es nur verstehen.“
„Es gibt keine Blackbox, es gibt keine Magic – es gibt Moleküle, Chemie, Molekularbiologie und Genetik. Wir müssen es nur verstehen.“
Thurner wiederum nähert sich der Medizin über ihre Strukturen. „Was mich interessiert, ist, wie Medizin funktioniert“, sagt er. Komplexe Systeme bestehen aus vielen miteinander vernetzten Komponenten, die sich gegenseitig beeinflussen. „Was wichtig ist, ist, dass große Datensätze in solche Netzwerke übersetzt werden können. Wenn man das gut macht, kann man die dann auch verstehen und daraus die Ableitungen ziehen.“
Zwischen diesen Perspektiven entsteht ein zunehmend enger Austausch. Erkenntnisse aus Datenanalysen können neue Fragestellungen für die Grundlagenforschung liefern, während umgekehrt experimentelle Ergebnisse helfen, komplexe Modelle besser zu interpretieren. So entsteht ein lernendes System, das verschiedene Ebenen der Medizin miteinander verbindet.
Neue räumliche Strukturen schaffen dafür die Grundlage. Am Campus Mariannengasse sowie in Zentren wie dem Eric Kandel Institute – Center for Precision Medicine (CPM) kommen Forschungsgruppen näher zusammen, nicht nur organisatorisch, sondern auch physisch. „Ich glaube, dass die neuen Zentren, vor allem das CPM, auch die Möglichkeit gibt, Interaktionen wirklich zu leben, die bisher oft am Papier bestanden haben“, sagt Pollak. Die Bündelung eröffne neue Chancen: „Die Vereinigung von verwandten Infrastrukturen, Ausstattungen, Geräten, aber auch Modellen, zum Beispiel genetisch veränderte Mausmodelle, gibt uns ganz neue Möglichkeiten, unsere Forschung wirklich kollaborativ umzusetzen.“
“Was mich interessiert ist, wie Medizin funktioniert. Wenn man große Datensätze in Netzwerke übersetzt, kann man sie verstehen und daraus die richtigen Ableitungen ziehen.”
Für Thurner liegt der entscheidende Mehrwert im direkten Austausch.
„Das wird hier ein Ort werden, wo diese Leute zusammenkommen und sich treffen und sich über den Weg laufen und sich an den Kaffeemaschinen anstellen werden“, sagt er. „Und das sind zumindest in unserem Feld die Orte, wo Innovation und Neues entsteht, zum Teil Unerwartetes.“ Voraussetzung dafür sei eine kritische Masse an Forschenden, die an ähnlichen Fragestellungen arbeiten – eine Voraussetzung, die mit den neuen Standorten geschaffen wird.
Auch für Pollak steht die Nähe im Mittelpunkt. Ein Teil ihrer Forschungsgruppe wird am MedUni Campus Mariannengasse angesiedelt sein, weitere Flächen im Eric Kandel Institute – Center for Precision Medicine nutzen. „Die Arbeitsflächen am neuen Zentrum für Präzisionsmedizin werden mir ermöglichen, mit meinen Kollaborationspartnern wirklich eng räumlich zusammenzuarbeiten“, sagt sie. „Darauf freue ich mich schon sehr.“
Die neuen Forschungsgebäude sind damit mehr als Infrastruktur. Sie schaffen die Voraussetzungen für neue Formen der Zusammenarbeit und für eine Medizin, die unterschiedliche Perspektiven zusammenführt.


